Flugwasser

Zwoundvierzig komma sieben Zentimeter breit, einen Meter fünf lang.

Luft, die innen Krebs verursacht und uns außen erfriert.

Aufpolierter Dosenfraß, kostenloser Alkohol und Schlafpillen um uns ruhig zu stellen.

Denn wir rasen in 10000 Meter Höhe mit 900 Stundenkilometern in dünner Atmosphäre, Platzmangel und -angst über den Ozean, auf dem wir zerschellen würden. Daran ändern auch nichts die debil grinsenden Passagiere in der Broschüre über erfolgreiche Wasserlandungen.

Ein Wunder der Natur. Tonnen von Stahl und Treibstoff in der Luft. Und dazwischen das schlaueste Wesen auf Erden. Gezwängt in enge Stühle, umringt von Krampfadergeschwader mit Erzähldrang, Berufsbeschwerer mit Business Class im Hinterkopf und schreienden Kinder, die sich über den Lärm und die schlechte Luft freuen. Ein Szenario, das mit etwas Geduld an „Das Expirement“ herankommen würde.

Genießt hier eigentlich jemand Aussicht und die Mächtigkeit des menschlichen Gehirns?
„Hey ich sitze am Fenster! Oooooh doch wieder ein Platz überm Flügel…“

Wir fliegen!“

Wir sind frei!“

Schwerelosigkeit!“

Die Vögel werden uns benei…“

Der Sicherheitsbeamte in Zivil fischt mich aus der Luft wie eine hungrige Katze den gedankenlos zwitschernden Spatzen.

Festgeschnallt an den Stuhl fühlt er sich gar nicht mehr so eng an. Als ich noch verschiedene Sitzpositionen ausprobieren konnte, nur um es mir mit Neben- und Vorsitzern zu verderben, schien das Ding viel kleiner.

Bevor man die Rückenlehne dynamisch nach hinten schwingt, sollte man übrigens nachsehen, ob der Hintersitzer gerade einen frischen Drink bekommen hat. Und ob der Muskelmann schon gefrühstückt hat. Zu meinem Glück hatte offensichtlich seine Schlafpille bereits zu einem guten Teil gewirkt. Knie vorne nach oben ziehen geht auch nicht, da die Haken des Zeitungsnetzes ungern Knie halten und der Vordersitzer ungern Stahlbrüste im Rücken spürt.

Eingesperrt als flugunfähiges Wesen ohne Fell, Reißzähne oder Hörner in ein künstliches Fluggerät. Das einzige Ding was uns hervorhebt ist unsere Birne. Die würde aber auch nur platzen wie eine Melone wenn wir ungebremst auf dem Wasser aufschlagen. Obwohl ich gut schwimmen kann. Nützt nur wenig im Rumpf eines tonnenschweren Kolosses. Festgeschnallt am Sitz eh nicht.

Empirischen TV-Studien zufolge wird man eh samt Sitzpaar schreiend nach hinten rausgeschleudert und der Rest muss jahrelang auf einer bescheuerten Insel Knöpfe drücken und ist am Ende eh tot.

Dann lieber einmal auf der Achterbahn ohne Schienen mit der tollen Aussicht. Hey wenn ich die Arme rausstrecke und bremse, dann seh ich bestimmt das Flugzeug aufschlagen und explodieren! Tolle Special-Effects auf nem Höllenritt mit lebensmaximalen Adrenalinschüben. Wäre da nicht… FUCK YOU!

Wieso dreht sich der Mistsitz jetzt? Mein Orientierungssinn geht mir wie der Dosenfraß sprühenderweise verloren, während ich stilvoll einen 720 auf meinem Economy Class Sitz durchziehe. … Zum achten Mal. Mindestens.

Der Sitz entschied sich, mir auf dem Rest des Luftweges eine direkte Sichtlinie auf meinen Schnittpunkt mit der X-Achse zu ermöglichen. Beschleunigung fand ich ja schon immer toll, besonders beim Fallen. Bisher kam das Wasser aber meist nach drei Metern und statt einem 300 Kilo Sitz hatte ich eine Badehose an.

In der Panik wollte sich meine Blase zu entleeren, aber in dem Moment schaltete sich mein einziger natürlicher Vorteil ein: das Gehirn. Schockhaft wachte ich auf und entleerte meine Blase in den vorgesehenen Ort. Kein Tropfen in der Short, dafür nassgeschwitzt und das halbe Adrenalin für heute verbraucht.

 

Moral von der Geschicht:

Übergroße Zudecken sind toll! Egal wo man zieht oder wie man sich hinlegt – sie sind da und wärmen. Und sie regen die Phantasie an, wenn man sich durch nächtliches Einrollen mit ihnen verknotet.

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